Pressespiegel
taz, Einblick (674)
2017,
Einblick (674): Monika Jarecka, Malerin

taz: Welche Ausstellung in Berlin hat dich zuletzt an- oder auch aufgeregt? Und warum?

Monika Jarecka: Beeindruckt hat mich im April Amy Feldman bei Blainsouthern – durch die Stilisierung der Linie, die gleichzeitige Referenz an Comiczeichnung und Pop Art und ihre melancholisch anmutende Verwendung von flachen Kontrasten. Toll fand ich außerdem die aktuelle Ausstellung von Charline von Heyl bei Capitain Petzel.

Welches Konzert oder welchen Klub kannst du empfehlen?

Im Sommer 2016 am Wannsee erlebte ich ein super Konzert mit „Fön“, einer aus Schriftstellern bestehenden Band. Komisch und melancholisch zugleich. Einmalig war dabei auch die sich verändernde Kulisse: vorbeiziehende Boote an einem lauen sommerlichen Sonnenuntergang. Spielten Klubs früher eine ziemlich wichtige Rolle in meinem Leben, so sind jene nur noch in meiner Erinnerung oder in Fotobänden über verschwundene Orte in Berlin zu finden.

Welches Magazin und welches Buch begleitet dich zurzeit durch den Alltag?

Freitagmorgens vergesse ich öfter die Zeit während der Lektüre des Süddeutsche Magazins. „Texte zur Kunst“ ist immer dabei. Gut erzählt fand ich dieses Jahr das Buch „Geister“ von Nathan Hill. Ein älteres Buch, das mich berührt und gefesselt hat war „Heimsuchung“ von Jenny Erpenbeck. Interessant war für mich die Beobachtung eines Ortes, der sich mit der Zeit verwandelt und von den dort jeweils wohnenden Menschen ausgefüllt wird.

Was ist dein nächstes Projekt?

Die Teilnahme an der Ausstellung „Zeig Dich!“ in der Zwinglikirche in Friedrichshain, die im Rahmen des Evangelischen Kirchentages in Berlin stattfinden wird (25. bis 27. 5., Rudolfstr. 14,). Dort wird Malerei entstehen, unter dem Eindruck eines eingespielten Klangs von „white noise“, einer Klangkulisse aus sphärischen Tönen, die beruhigend auf Menschen wirken soll.

Welcher Gegenstand/welches Ereignis des Alltags macht dir am meisten Freude?

Die leider nur dreiwöchige Blüte einer Allee japanischer Kirschbäume in meiner Straße. Schönheit von kurzer Dauer: kostbar!
taz, Im Dreieck aus Nähe und Distanz
2017,
„Das Dreick ist die dramatischste Form, um von Eck zu Eck zu gehen“, sagt Monika Jarecka und führt diese Einsicht in der galerie weisser elefant gleich zwei Mal vor. Im großen Ausstellungsraum als Wandmalerei aus unzähligen, bunten Acrylstreifen. Aus der Nähe ein unruhiges Nebeneinander, so als würde jeder Streifen einfach die Wand ihrer Struktur folgend herunterlaufen. Je weiter man Abstand nimmt und aus dem Arrangement heraus zoomt, desto gradliniger wird das riesenhafte Dreieck.

So befragt Jareckas Arbeit die illusionistischen Eigenschaften der Malerei. Denn das Auge setzt zusammen, was es zu sehen glaubt: Die Arbeit „Zweimalzwei“ erscheint als einzelnes zwei nebeneinander liegende Räume durchquerendes Dreieck, das durch den Wandvorsprung zwischen den Türrahmen verdeckt ist. Tatsächlich handelt es sich aber um zwei schwarz grundierte Dreiecke aus Rigips, die als optische Täuschung angeordnet sind.

Jareckas Acrylgemälde in der Größenordnung 250 x 190 cm wiederum fokussieren den Farbauftrag auf Leinwand und machen über die Titel („Indigo – Groenblauw / Titanweiss / Paynes Grey – Phtalo Blue Red Shade“, 2017) die Farbtöne und die Reihenfolge ihrer Verwendung nachvollziehbar. Auf- und Abtrag legen Zwischenschichten frei und lassen andere verschwinden. Auch hier sucht der Blick – auch auf den Außenrändern des Bildträgers – sofort nach assoziativen Formen.
Kunst lauert hinterm Garagentor
2015,
Bochum. Galerie „Adhoc“ ist längst mehr als ein Geheimtipp. Neue Ausstellung der Künstlerin Monika Jarecka zeigt große farbige Dreiecke.

Wenn sich auf dem tristen Hof an der Schmidtstraße 35 die Garagentüren öffnen, dann lauert dahinter kein abgehalfterter Kadett – sondern eine zumeist sehenswerte Kunstausstellung. Bereits im dritten Jahr betreiben Tim Cierpiszewski, Christian Gode und Max Rentrop in der Doppelgarage unweit des Bermuda-Dreiecks ihre kleine Galerie „Adhoc“ – und das ist längst mehr als ein Geheimtipp.

„Unser ungewöhnlicher Ausstellungsraum hat sich bei den Künstlern herum gesprochen“, erzählt Max Rentrop. Anfragen erreichen die jungen Ausstellungsmacher mittlerweile aus dem Rheinland, aus den Niederlanden oder Frankreich: Alle wollen bei „Adhoc“ gern einmal ihre Kunst in der Garage präsentieren. „Der Kreis der Interessenten wird stetig größer“, sagt Rentrop. „Gute Ausstellungsräume sind oft schwer zu finden.“
Vielfalt aus Farben und Formen

Dabei gehört es aber zum Ziel des „Adhoc“-Teams, das Innere der Garage auf ungewöhnliche Weise zu nutzen. Einfach nur Bilder an die Wand zu nageln, das ist den Ausstellungsmachern zu wenig. „Der Raum soll von den Künstlern kreativ bespielt werden“, so Max Rentrop. So nutzen die Künstler die etwa 5x5 Meter große Garage meist für Installationen, auch Performances wurden hier schon aufgeführt. „Die Grenzen sind weit.“ Nach jeder Ausstellung werden die Wände dann wieder weiß gestrichen – und alles beginnt von vorn. Der nächste Künstler macht sich Gedanken, was er in der Garage Spannendes anstellen könnte. Etwa sieben Ausstellungen zeigt „Adhoc“ pro Jahr.

Aktuell ist die Berliner Künstlerin Monika Jarecka zu Gast. Unter dem Titel „Just“ zeigt sie eine Vielzahl bunter Linien, die zusammen die Form dreier imposanter Dreiecke einnehmen. Die 40-jährige gebürtige Polin spielt mit Farben und Formen und der durchaus komplexen Vielfalt, die sich daraus ergibt.
Die Dreiecke schweben

Info
Neue Ausstellung von Joel Roters in der Bar Neuland

Die Ausstellung „Just“ von Monika Jarecka ist bis 6. November zu sehen. Geöffnet nach Vereinbarung: E-Mail an info@adhocraum.de.

Für Kunstfreunde ebenfalls interessant: Einen Steinwurf entfernt in der Bar Neuland (Rottstr. 15) zeigt Künstler Joel Roters eine neue Schau.

Mit dreidimensionalen Werken aus Holz, Filz, Metall und Glas bewegt er sich im Schnittbereich zwischen Grafik, Objekt und Skulptur.

Dabei setzte Jarecka auf die Hilfe der Erdanziehung. Wie Fäden ließ sie die Farbe an den Wänden hinunter perlen. Aus der Ferne sieht das alles kerzengerade aus, doch bei näherer Betrachtung erkennt man viele kleine Fehler in den scheinbar so exakt anmutenden Dreiecken. „Die Linien sind nicht total perfekt, das ist mir wichtig“, erklärt die Künstlerin, die 2005 ihr Meisterschülerdiplom an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee ablegte.

Mit zehn Farben spielt Monika Jarecka in ihrer Ausstellung, die pro Linie wechselnd eingesetzt werden. So hat es den Anschein, als sei das Dreieck auf der Kopfseite dunkler als die beiden anderen. Und weil die vielen Linien nicht bis hinunter auf den Boden laufen, sondern kurz zuvor stoppen, hat der Betrachter das Gefühl, die Dreiecke würden schweben. Sehenswert!

Sven Westernströer


Westfälischer Anzeiger
2013,
Ahlener Zeitung
2013,
Westfälischer Anzeiger
2013,
Tagesspiegel
2011,
Strichgestöber

Monika Jarecka in der Galerie Weißer Elefant

Zugegeben, wo der Anfang endet und das Ende anfängt, ist diesen Gemälden nicht gleich anzumerken. Und schon gar nicht wo ihre Mitten liegen. Aber daran gewöhnt man sich schnell. Annabelle Seubert
Monica Jareckas Ausstellung in der Galerie Weißer Elefant (Auguststr. 21, bis 12.2., Di-Sa, 13-19 Uhr) trägt den Titel "Ebenda". Aber Präzision und Symmetrie allein reichen Jarecka nicht aus. Eine Auswahl ihrer Bilder: BLACK BOX 1, 2011: Installation im Raum, Leinwand, Lampe, Maße variabel. Ein wechselndes Lichtspiel, das auf eine bemalte Leinwand projiziert wird. Die Leinwand scheint am Ende eines schmalen Raumes zu schweben und hängt ähnlich einer Diaprojektionsfläche von der Decke herab. Das Setting ist einer Black Box entlehnt, woher auch der Titel der Arbeit entstammt. Hier wird aber statt einer Video- oder Diafilmprojektion Malerei präsentiert. Der Lichtkegel wirft einen starken Schatten auf das Bild und wirkt wie ein mit einer runden Linse projiziertes, seltsam antiquiertes Bild.


Zum Beispiel dann, wenn Monika Jareckas blaue Linien auf schwarzer Leinwand nicht mehr an die Rechentafel aus dem Matheunterricht erinnern. Etwa weil ihre Striche an mancher Stelle einfach abknicken und die Richtung wechseln.

Oder sich an anderer Stelle mehrfach überlagern, kreuzen und zu komplexen Vernetzungen entwickeln. Obwohl ihre Ausstellung in der Galerie Weißer Elefant (Auguststr. 21, bis 12.2., Di - Sa 13 - 19 Uhr) das wissenschaftliche "Ebenda" als Titel trägt: Präzision und Symmetrie allein reichen Jarecka, Absolventin der Kunsthochschule Weißensee, nicht aus. Sie will die Struktur der Unordnung ergründen.

Also vergisst die gebürtige Polin hin und wieder alles, was wie Geometrie, Gleichung und Großstadtfläche aussieht. Sie greift zu greller Ölfarbe, übt grobe Wischtechnik – und pinselt Formen darüber, die wilder nicht sein könnten. Linien, die sich irgendwo treffen, sich nicht um den Bildrand kümmern, sondern um Grashalme, Windböen und Natur.

Alle Fotos: Monika Jarecka
Monika Jareckas Ausstellung in der Galerie Weißer Elefant (Auguststr. 21, bis 12.2., Di-Sa, 13-19 Uhr) trägt den Titel "Ebenda"....
Märkische Oderzeitung
2010,
Jörg Brause 04.08.2010 18:40 Uhr

Zwiegespräch der Formen

Brandenburg/Havel (moz) Blutrot, tiefes Blau und strahlendes Orange. Als Erstes fallen die kräftigen Farben der Bilder auf, die noch über drei Generationen hinweg die abstrakte Kunst bestimmen. Und noch etwas fällt in der Ausstellung „Generationen II“ sofort ins Auge: die geometrische Strenge vieler Arbeiten. Akkurat gezogene farbige Dreiecke setzen der 79-jährige Klaus J. Schoen wie der fast 50 Jahre jüngere Tim Stapel zu großen Rauten zusammen. Stapels Arbeit wirkt dabei wie eine Variation oder besser gesagt ein Dialog mit den Bildern des älteren Künstlers, indem er mit einer ähnlichen Formsprache nach neuen künstlerischen Lösungen sucht.

Zwei Arbeiten von 20 Künstlern, deren abstrakte, konkrete oder gegenstandslose Werke die Kuratorin Anke Zeisler in Brandenburg/Havel in der Kunsthalle Brennabor zu einem Treffen der Generationen versammelt hat. Die entweder bis 1950 geboren wurden wie Helmut Senf und Johannes Gecelli. Oder nach 1970 Geborene wie Rebecca Michaelis und Monika Jarecka.

Aber veränderten der Mauerfall und die 20 Jahre danach wirklich den Blick der jungen Künstler, wie die zentrale Frage dieser Ausstellung lautet? Schaut man auf die ausgestellten Arbeiten, kann man nur spekulieren. Veränderte gesellschaftliche Verhältnisse haben Künstler zu allen Zeiten bewusst oder unbewusst beeinflusst und angeregt. Da spielt auch das Alter keine Rolle, wie das Beispiel „Managergehälter Rot“ von Anna Werkmeister zeigt, die 1949 geboren wurde. Von oben nach unten hin blasser werdende rote Farbschichten stehen für die von oben nach unten abnehmenden Gehälter in Unternehmen.

Eine Gratwanderung zwischen Wirklichkeit, Abbild und erfundenen Welten unternimmt die 37-jährige Claudia Chaseling mit „Scape 7“. Eine riesige Spirale aus grünen, gelben und blauen Farben dreht sich auf der Leinwand wie ein Tornado oder ein kosmisches Gebilde aus einem Science-Fiction-Film. Gegenüber den farbintensiven Objekten und Bildern der Berlinerin wirken die Körper von Axel Anklam aufgrund des transparenten Materials zerbrechlich. Wie ein Tuch spannt der 39-Jährige den Kunststoff Expoxidharz über Gestelle aus Stahl, von denen manche wie weit aufgespannte Flügel aussehen. Zwei Arbeiten zweier junger Künstler, die zu einer ganz eigenen neuen Formsprache nach 1989 gefunden haben.

Die Werke beider unterscheiden sich durch ihren offenen und unregelmäßigen Aufbau von der geometrischen Strenge der Bilder Tim Stapels oder Alexander Wagners, deren Arbeiten formal denen von Altmeistern wie Helmut Senf und seinen Winkelvariationen oder den mit mathematischer Präzision entstandenen Farbkompositionen Hans Bartnigs näher sind.

Demgegenüber haben auch andere junge Künstler nach 1989 mit neuen Materialien wie Meike Stamer mit Öl, Wolle und Holz oder Astrid Köppe mit ihren Kohlezeichnungen zu von spielerischer Verve und formaler Experimentierlust bestimmten Bildern gefunden.

Bis 20. August, Kunsthalle 
Brennabor, Geschwister-Scholl-Str. 10-13, Brandenburg/Havel, Mi–So 13–18 Uhr, Eintritt frei
Märkische Oderzeitung
2010,
2001,
Pressetexte
eins zu eins Flyer Galery hinten
2015,
Vernissage „EINS ZU EINS“ in der Galerie Hinten
Chemnitz, der 18.04.2015
Herzlich Willkommen in der Galerie Hinten zur Eröffnung der Ausstellung "EINS ZU EINS" von Monika
Jarecka und Christl Mudrak. Die Arbeiten sind in der Galerie entstanden und nehmen direkten Bezug auf die
Räume.
Während des Gesprächs mit Monika über ihre Arbeit, erinnerte ich mich an eine Stelle aus dem Film
"Nachtzug nach Lissabon", dort hieß es sinngemäß "An jedem Ort den man verlässt, lässt man etwas
zurück...". Als ich mich später mit Christl über ihre Installation unterhielt, fiel mir auch noch das Ende ein:
"...und wenn man zurückkehrt, findet man es wieder".
Monika Jarecka präsentiert uns installierte Malerei. Wesentliches Merkmal ihrer Arbeit ist eine
zugrundeliegende Handlungsanweisung, die vermeintlich klare Grenze setzt aber auch Spielräume zulässt.
Die beiden Gemälde sind zweieiige Zwillinge. Sie haben das gleiche erlebt, weisen aber unterschiedliche
Charaktere auf. Die Künstlerin trägt Farbe auf, um sie anschließend wieder mit Wasser abzutragen.
Die totale Transparenz stellt sich nicht ein, jeder Schritt hinterlässt seine Spuren und fordert seinen Platz.
Ihre Arbeit lässt verschiedene Interpretationen zu:
- das Ungeschehenmachen einer Handlung
- die Korrektur einer Handlung
- die Reflexion einer Handlung.
Am Ende wird klar: jede Handlung hat eine Konsequenz.
Aktion und Reaktion, wie es schon Isaac Newton beschrieb.
Christl Mudrak lädt uns ein, die Perspektive zu wechseln und Gewohntes neu zu betrachten. Die forcierte
Raumerfahrung, den Raum neu zu denken, führt zu neuen Entdeckungen. Auch ihre Mittel zur Erkundung
des Raumes sind limitiert: Kugelschreiber, Blaupapier, Karton, Kraft und Ausdauer. Ihrer Arbeit wohnt die
Symbolik inne, nicht aufzuhören, die gewohnten Dinge neu zu hinterfragen. Im gleichen Atemzug stellt sie
unsere Wahrnehmung Kopf. Der Boden wird um 90° aufgestellt und trotzdem können wir noch stehen. Die
Installation erinnert mich an einen Musiker, der meinte: Man muss nicht alles neu schaffen, sondern kann
auch das vorhandene nutzen. Christl nimmt den Raum und komponiert ihn neu, ohne seinen Ursprung zu
leugnen.
Frank Weinhold
2014,
Zum 12. Mal hat der Bezirk Tempelhof-Schöneberg seinen Kunstpreis ausgeschrieben. Die fünfköpfige Jury unter dem Vorsitz von Dr. Anne Marie Freybourg hat aus 192 Bewerber/innen 14 Künstler/innen zur Shortlist ausgewählt, die in einer Ausstellung im HAUS am KLEISTPARK ihre Werke aus allen Sparten der bildenden Kunst zeigen. Am Tag der Eröffnung wurden die Preise verliehen. Es stellen aus: Andrea Damp (3. Preis), Lou Favorite, Hannah Hallermann, Mona Hakimi-Schüler (2. Preis), Florian Japp, Marte Kiessling, Monika Jarecka, Yuni Kim (1.Preis), Charlotte Müller, Ilze Orinska, Franz Schmidt, Frederic Spreckelmeyer, Matthias Stuchtey und Maria Vedder (Sonderpreis der Jury).
2014,
„Räume verbergen ihren Inhalt durch Bedeutungen, durch das Fehlen von Bedeutungen oder durch eine Überdosis an Bedeutungen (...) Manchmal lügen Räume, so wie Dinge, auch wenn sie selbst keine Dinge sind.“
Henri Lefebvre, La production de l‘espace
Räume lassen sich weder über ein existierendes System von Architektur, Wegeführung und Zugänglichkeit definieren, noch über die menschliche Anpassung an eben diese räumlichen Eigenschaften begreifen. Die Ausstellung L‘espace de l‘espèce: X entzieht sich im Sinne Lefebvres jeglichem kategorisierenden System, sie ist Organ, das wahrnimmt, eine erfahrbare Richtung, eine gelebte Bewegung aus künstlerischen Positionen: nicht mehr und nicht weniger.
mit Arbeiten von . with works of
Christine Berndt, Bretz / Holliger,
Monika Jarecka, Eva Kietzmann / Petra Kübert,
Paul Lubitz, Stefan Reiss

kuratiert von Kerstin Godschalk
Projektkoordination Stefan Reiss
geradewegs
2013,
nebensächlich 3:
g e r a d e w e g s
oder:
Nichts anderes als Sein geschieht

› Mit welchem Recht fassen wir überhaupt die Aussage als Modus von Auslegung? ‹ Martin Heidegger

Als Jacques Derrida vor genau 50 Jahren ein Fazit des Strukturalismus als kunstkritischer Methode zog, prophezeite er uns, den Zukünftigen, dass die „strukturalistische Invasion … ihre Werke und Zeichen an den Stränden unserer Zivilisation hinterlassen“ würde, derart, dass wir nicht fähig wären, sie nur als historischen Gegenstand abzutun, denn es handelt sich dabei „um eine ungeheure Bewegung, … die das universale Denken heute in allen seinen Bereichen, auf allen seinen Wegen und ungeachtet all seiner Differenzen erfährt“ (1). – Derrida sollte recht behalten.
Seine Erwägungen stützt er speziell auf gut strukturierte Freibeuter, deren Namen uns heute kaum noch etwas sagen. Aber was sie zu sagen hatten, ist so grundlegend in den nautischen Grundbestand unseres Kunstverstehens eingegangen wie eine vom Echolot gescannte Tiefenstruktur. Und es geht dabei um mehr als nur eine neue „Sehweise“, nämlich um das Verständnis der Kunst über sich selbst.
Als Beispiel mag (der von Derrida als Hauptzeuge zitierte) Gaëtan Picon gelten: „Für die moderne Kunst ist das Werk nicht Ausdruck, sondern Schöpfung“ (1961). Damit ist die Kernaussage getroffen: Kunst wird nicht mehr als Aussage für etwas, sondern als etwas verstanden. Und die wesentlichste Ursache zu diesem Sinneswandel gründet ganz konkret in einer komplizierter geratenen Welt, der kein künstlerischer Ausdruck mehr gerecht zu werden versteht, wohl aber die Neu-Schöpfung: „ Die Sprache muss von nun an die Welt hervorbringen, die sie nicht mehr ausdrücken kann“ (Picon 1953).
Später findet sich bei Lyotard eine wesentlich kritischer formulierte Definition der innovativen Rolle von Kunst: „Jeglicher Klassizismus erscheint verboten in einer Welt, in der die Wirklichkeit in einem Maße destabilisiert ist, dass sie keinen Stoff mehr für Erfahrung gewährt, wohl aber für Erkundung und Experiment.“ (2) Dafür steht nun auch längst prominent die ebenso Tradition destruierende Praxis von Beuys, Pollock und Paik, den Widersinn der Wirklichkeit mit dem der Kunst zu kontern.
Aber solchen Dis-Kurs nur als Ausstrahlung eines allgemeinen Kulturpessimismus zu verstehen, wäre allzu flach reflektiert. Dazu reicht aus, allein an Emmanuel Levinas’ Denken nach Auschwitz zu erinnern, dem realistische Kunst als reaktionäre Schönfärberei gelten muss: „Für den Realismus heißt sein, sich dem Verstehen verschließen“. Im Gegensatz führt der einzig schöpferische Weg von der Bescheibung zur Konstruktion, vom Inhalt zur Existenz – allein schon im Titel seines Essays von 1949 (3).
Damit sollte nur ein Rahmen, ja, gut: die Struktur zum Verständnis abgesteckt werden. Derrida selbst bringt seinen zweiten Kronzeugen mit David Rousset ins Spiel, der aber wiederum auf Emmanuel Kant rekurriert. Dieser schon sah im „geheimnisvollen Ursprung des Werks als Struktur und unzertrennliche Einheit das Erste, worauf wir Acht zu geben haben“. Ein überraschend anderer, moderner Imperativ!
Längst haben wir neuen Kurs aufgenommen, fremde Flaggen wehen an den Masten. Wir sind mit hohem Tempo unterwegs. Infolge dessen können wir nur punktuell andeuten, was sich weiter ereignet: die Kunst als „Genialität allen Reichtums“ (Derrida mit Blick auf Blanchot) und das Werk, das einzig für sich selbst steht, als das „höchst Unersetzbare“. – In einer sich parallel ereignenden Korrespondenz sagt Levinas über Blanchot: „Das Sein der Dinge wird im Werk nicht benannt, sondern spricht sich aus im Werk“ (4). Und Derrida selbst wird an anderer Stelle von Levinas eine „radikale Zeitwende“ bescheinigt, „die zugleich an ein anderes Denken appelliert“, „gewissermaßen hinter dem Rücken der Evidenz“ (5).
Und man weiß, wozu es geführt hat, endlich: zu einer kreativen Rezeption, einer Lektüre der Intensitäten. „Es gibt nichts zu erklären, nichts zu verstehen, nichts zu interpretieren. Es ist wie ein Stromanschluss“, erklärt der Hochspannungs-Installateur Gilles Deleuze. (6) Und wir sind angeschlossen …

Ralf Bartholomäus


1) J. Derrida, Kraft und Bedeutung (Juni/Juli 1963), in: Die Schrift und die Differenz, 1976 (Suhrkamp), S. 9–27.
2) J.-F. Lyotard, Beantwortung der Frage: Was ist postmodern? (1982-85), in: Postmoderne und Dekonstruktion, 1990 (Reclam), S. 37.
3) E. Levinas, Von der Beschreibung zur Existenz (1949), in: Die Spur des Anderen, 1983 (Herder), S. 79/80.
4) E. Levinas, Maurice Blanchot – Der Blick des Dichters, in: Eigennamen. Meditationen über Sprache und Literatur, 1988 (Hanser), S. 30.
5) „Auf die Grenzen der Wahrheit gefasst sein“ – Levinas liest Derrida, in: Fischer/Sirovátka (Hrsg.), „Für das Unsichtbare sterben“. Zum 100. Geburtstag von Emmanuel Levinas, 2006 (Schöningh), S. 138-139.
6) Gespräch mit Gilles Deleuze (1972), in: Gilles Deleuze, Unterhandlungen, 1993 (Suhrkamp), S. 18.
Pokój
2013,
Eröffnung der Ausstellung
am Samstag, dem 6. April 2013 um 19 Uhr
Diese Bedeutung in des Wortes schönster Offenbarung ist im polnischen „zwrot“ noch stärker, denn es kann auch eine Rückerstattung meinen. Bevor wir uns dem anderen öffnen, haben wir dazu von ihm schon den Anreiz bekommen. Meine Hinwendung ist also in Wahrheit ein Zurückgeben. Wie auch immer: Indem wir uns anderen zuwenden, verändern wir uns – oder, anders gesagt, indem wir uns von innen nach außen wenden – was an sich schon eine Kunst ist.

Fünf Künstlerinnen, die aus Polen stammen und in Berlin leben. Fünf persönliche Geschichten & Handschriften. Sie alle sind zu Resultaten gelangt, die sich vom Konventionellen der Kunst entfernen, aber zugleich Traditionen bewahren. Das reicht von Kinga Dunikowskas* Installationen, die in Fluktuation zwischen Realität und Fiktion die Relevanz medialer Inszenierung hinterfragen, bis zu Selbstbildnissen in kubistisch-humanoider Reduktion von Katharina Kolesinski. Davon wiederum sind die sphärischen Bilder von Zuzanna Skiba nur scheinbar weit entfernt, bevor man sie als energetische Felder innerer Spannungen begreift. Und von Monika Jareckas korrekt errechneten Raum-Intervallen, die derzeit ins urwüchsig Turbulente diffundieren, hin zu den Installationen von Marcelina Wellmer an der Schnittstelle von Computer und Malerei bilden die Konstruktivität und das Phänomen des Zufälligen mehr als nur eine virtuelle Brücke. Es handelt sich tatsächlich um fünf sehr spezielle künstlerische Haltungen, die dennoch ganz offen miteinander korrespondieren und sich somit verbinden – und sei es „nur“ in der jeweils eigenen stilistischen wie emotionalen Konsequenz.
Ralf Bartholomäus
2010,